Über Hüften und Loslassen

Wer viel joggt, Fahrrad fährt, schwimmt und andere Sportarten betreibt oder eben einfach viel auf dem Stuhl hockt, trägt dazu bei die Hüftmuskulatur zu verspannen.
Yoga kann eine Methode sein, sich mit seiner Hüfte auseinander (oder eben hin-) zu setzten. Wer seiner Hüfte etwas mehr Beweglichkeit und Stabilität schenkt, kann Schmerzen im unteren Rücken vermindern, ein besseres Gleichgewicht im Körper spüren und präventiv die Bewegungsfreiheit sichern.

Anatomisch betrachtet ist die Hüfte ein unglaubliches Gebilde! Uns mit der Anatomie der Hüfte oder allgemein des Körpers auseinander zu setzten, kann eine Faszination erwecken, zu was unsere Physis alles fähig ist oder fähig wäre.

Ist uns bewusst, dass die Oberschenkel auf sechs verschiedene Arten im Becken bewegbar sind?

Flexion: die Oberschenkel näher zum Bauch bringen
Extension: die Gegenbewegung von Flexion — die Oberschenkel hinter die Hüfte bringen
Adduktion: Die Oberschenkel übereinander kreuzen
Abduktion: Die Oberschenkel auseinander bewegen — die Beine spreizen
Mediale Rotation (Innenrotation): Zieht man eine Linie von Hüfte zu Knie, so dreht sich diese Linie bei der medialen Rotation gegen innen.
Laterale Rotation (Aussenrotation): Zieht man eine Linie von Hüfte zu Knie, so dreht sich diese Linie bei der lateralen Rotation gegen aussen.

In diese Bewegungsmöglichkeiten sind vier Muskelgruppen involviert. Es kann helfen diese kurz nachzuvollziehen um zu wissen, welchen Übungen man nachgehen möchte.

  • Gruppe 1; Quadrizeps und Hüftbeugemuskel (an der Vorderseite des Oberschenkels und der Hüfte)
  • Gruppe 2; Rückseitige Oberschenkelmuskulatur
  • Gruppe 3; Leiste, gegen innen rotierende Muskulatur und Adduktion (die Innenseite des Oberschenkels und der Hüfte)
  • Gruppe 4; Gesäßmuskulatur

Jeder Körperbau ist anders, so gibt es Streckungen, Rotationen oder Beugungen die schwerer fallen als andere. Das ist ganz natürlich. Gewisse Limitationen muss man jedoch nicht einfach so hinnehmen, für jeden gibt es Muskelgruppen die ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Bewegung verdienen als andere. Es lohnt sich diesen Limitationen Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn es anfänglich unangenehm ist. Ein erweitertes Bewegungsspektrum kann so viel Wohlbefinden und Gesundheit mit sich bringen.

Beim Wort «unangenehm» kommt gleich auch die Psyche ins Spiel. Vor «unangenehmem» rät uns der Verstand ab. Jeden Tag erleben wir Situationen die wir als unangenehm einstufen. Wenn wir uns während dem Yoga bewusst in Situationen bringen, in denen wir merken, dass wir uns aus der «bequemen-wohlfühl-Zone» herausbewegt haben, beginnt ein Prozess. Der Kopf sagt: «so, danke das war genug, es ist jetzt besser wieder zu entspannen», die Intuition sagt dir aber ganz klar: «wenn ich jetzt noch ein bisschen weiter dehne, in mich hineinatme — das ist eigentlich ganz gut für mich». Ein Spiel dem wir täglich begegnen. Ein Spiel dem wir täglich neu begegnen können. Yoga heißt nicht auf der Matte Asanas (Körperpositionen) zu praktizieren, sondern bestimmte Verhaltens- und Denkmustern zu erkennen und an ihnen zu arbeiten. Dieser Prozess kann sehr konfrontierend sein. Besonders dann, wenn man sich in einer Position befindet, in der die Hüfte in einer Art gedehnt wird, wie sie sonst kaum «gebraucht» wird.
Es wird also gesagt, dass sich in den Hüften Emotionen sammeln. Solche, die wir gerne unterdrücken wie Angst, Schmerz, Frustration und Trauer. Während der Arbeit mit der Hüfte und dessen Gewebe wird physischer Druck, wie auch psychischer Druck freigesetzt.
Bleibt man über längere Zeit in einer Hüftdehnung, findet ein Prozess statt (vom Muskel ausgehend), den man «Kampf und Flug Reaktion» nennen kann.
Man befindet sich wechselhaft auf einem befriedigenden Höhenflug und kurz danach in der Stimmung von «so, ich muss jetzt aus dieser Dehnung raus!». Wir sind mit dem Reflex geboren, wenn Gefahr droht in eine Fötusstellung einzukehren — sprich, sich einzurollen, klein machen, schützen und auf keinen fall öffnen und ausstrecken. Öffnen und ausstrecken benötigt gewissen Mut, Sänfte und Vertrauen. Wer sich mit der Hüfte und Yoga auseinandersetzt kreuzt früher oder später den Weg mit Chakras. Detailliert möchte ich hier nicht auf diese Energiezentren eingehen, lieber kurz touchieren. Eines dieser sieben Energiezentren liegt direkt in unserem Intimbereich (genauer gesagt zwischen Anus und Genitalien) und wird Wurzelchakra (Muladhara) genannt. Weshalb dies hier erwähnt wird ist, weil die psychischen Auswirkungen der Hüftdehnungen ganz stark mit dem Wurzelchakra verbunden sind. Die Themen des Wurzelchakras sind sehr existenziell. Es geht um Sicherheit, um Lebenskraft, um Körperlichkeit, im Leben zu stehen und um Erdung. Es wird gesagt, wenn das Wurzelchakra blockiert ist, auch die Bewegungsfreiheit in der Hüfte eingeschränkt ist. Blockaden die mit dem Wurzelchakra zusammenhängen sind: Angst vor Veränderungen, Überlebensangst, Angst vor Isolierung (Alleinsein, ausgestoßen sein), Angst vor materiellem Mangel und Angst davor im Körper zu sein. Anders herum, wenn das Wurzelchakra geöffnet ist, fühlt man sich sehr geerdet, man möchte mit dem Fluss des Lebens fließen, man hat ein Urvertrauen, ein Gefühl von tiefer Sicherheit und man strahlt eine lebensbejahende innere Haltung aus.
Intensive Asanas (Yoga Körperpositionen) können uns also ein Spiegel vorhalten, wie wir Herausforderungen im Leben neben der Yogamatte begegnen. Eine bewusste Praxis kann sich somit durchaus positiv auf den Alltag auswirken, nicht nur auf das körperliche Wohlbefinden.

Asanas die mit der Hüfte arbeiten gibt es unzählige.
Hier wird bloss ein einziges vorgestellt um einen kleinen Anreiz zu schaffen.

«Baddha Konasana» – Geschlossener Winkelsitz

  1. Setze dich an den Boden
  2. Versuche deine Wirbelsäule so lang und gerade wie möglich zu machen
  3. Ziehe deine Füsse zu dir heran und falte deine Knie gegen aussen
  4. Drehe deine Fußsohlen gegen oben – aber nur, wenn dadurch nicht ein stechender Schmerz in deinen Knien entsteht
  5. Wer hier ohne große Dehnung sitzt, kann versuchen den Bauchnabel näher zu den Füssen zu bringen (nicht den Kopf). Das Rückgrat bleibt somit möglichst gerade.
  6. Wer Mühe hat, überhaupt gerade zu sitzen mit den Füssen aneinander gefaltet, kann ein Kissen oder einen Yogablock als Hilfe unter das Gesäß nehmen (man sitzt somit höher, die Füsse bleiben auf dem Boden)
  7. Das Atmen nicht vergessen, die Gesichtsmuskulatur, speziell die Kiefermuskulatur und den Bauch entspannen und alles nicht zu ernst nehmen.
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