Wie Bilderbücher auch bei schwierigen Themen die Kommunikation mit unseren Kindern fördern

Tanja Meroni-Weidmann, Sie arbeiten seit Jahren in der Familienbetreuung und als Kindergartenlehrperson. Sollen Erkrankungen der Eltern überhaupt mit den Kindern besprochen werden?

Es ist sogar existenziell für ein betroffenes Kind. Nur durch Verstehen und Wissen über seine Lebenssituation kann das Kind gesunde Bewältigungsformen im Sinne der Resilienz und Selbstwirksamkeit entwickeln. Natürlich müssen diese Informationen altersgerecht und dem jeweiligen Wissenstand angepasst vermittelt werden. Man spricht hier von einem dialogischen Prozess, in welchen mit Rückfragen und offenen Fragen sicher gestellte wird, dass das Kind die Situation einordnen kann. Die Eltern sollten bevor sie das Kind informieren, klar definieren, was sie sagen wollen und wer davon wissen darf. Es ist unabdingbar Personen im ausserfamiliären System, welche mit den Kindern Kontakt haben, aufzuklären. Die Familie sollte eine innerfamiliäre offene Kommunikation leben. Dadurch verhindert man auch die Kinder mit einem Geheimnis (Loyalitätskonflikt) zu belasten.

Wo vor haben Eltern Angst, wenn es ums Thematisieren schwieriger Themen im Gespräch mit den Kindern geht?

Erwachsene neigen dazu Kinder zu schonen. Diese gute gemeinte Haltung führt oft zu Fehlentscheidungen. Kinder werden von wichtigen familiären Prozessen ausgeschlossen. Beschönigende Antworten regen mehr ihre Fantasie an, als dass sie sie beruhigen. So glauben Kinder, Schuld an der Situation zu haben; oftmals versuchen sie mit überangepasstem Verhalten, dem entgegen zu wirken. Dies kann dazu führen, dass ein Kind sich nicht mehr seinen Bedürfnissen widmen kann, diese Vernachlässigt und sich verantwortlich für das Wohl der Familie fühlt. Dies kann zur sozialer Isolation, Leistungsnachlass, bis zu Parentifizierung (Rollenumkehr) zwischen Erwachsenen und Kind führen.
Auch sind Erwachsene oftmals selbst überfordert mit der Situation und finden keine für sie schlüssige Erklärung. Zudem neigt man dazu, diese Erklärungen zu komplex auszuformulieren. Hier können Drittpersonen sehr hilfreich sein, der Blick aus der Meta-Eben kann helfen, die Komplexität der Thematik herunter zu brechen. Kinder benötigen klare Aussagen, zu folgenden Fragen; wie heisst die Krankheit, was verändert sich momentan in ihrem Alltag, wie wird geholfen, behandelt etc. und sie tragen keine Schuld an der Situation. Zudem können Bücher für Kinder und Erwachsene unterstützend sein. Nicht nur Fachbücher, sondern auch Bilderbücher. Bilder haben einen direkten Zugang zu den Emotionen. So können sie als Einstieg in ein Gespräch sehr hilfreich sein und sind von grosser Wirkung in der Nachbearbeitung.

Die Ängste der Eltern vor der Kommunikation sind also nicht berechtigt. Sind Kinder per se pragmatischer, als wir denken?

Es zeigt sich in der Praxis, wie auch aus der Forschung, dass Kinder eine grundsätzlich pragmatische Haltung einnehmen zu Lebensthemen. Dies zeigt sich auch in philosophischen Gesprächen über den Tod, von wo die Kinder kommen etc. Je nach Alter und Entwicklungsstand können die Fragen der Kinder differenzierter sein. Wichtig ist die Verpflichtung zur Wahrheit. Egal wie einfach oder ausführlich eine Information ist. Sie sollte im Sinne der wahren Realität erfolgen. Problemhaft wird es, wenn das Kind widersprüchliche Aussagen bekommt und dies für das Kind keine Logik ergibt. Kinder spüren intuitiv das sich etwas ändert in ihrem direkten Umfeld und suchen für sich Erklärungen. Auch hier gilt, im Sinne des Gesundbleibens oder –werdens (Salutogenese), das Kind in seine Lebenswelt einzubeziehen und es mit zu gestalten lassen. Wenn für ein Kind eine Situation nachvollziehbar ist, kann es lernen, damit umzugehen.

Erzählen Sie mir von konkrete Fällen, den Erkrankungen der Eltern und wie Sie welche Kinderbücher haben einsetzen können.

In der Familienarbeit begegne ich häufig der Situation, dass ein oder beide Elternteile psychisch erkrankt sind, daraus resultieren oft Mehrfachbelastungen, wie Sucht, Trennung, soziale Isolation, Armut etc. Hier arbeite ich mit diversen Bilderbücher, aber auch mit pyktographischem Material zur Gefühlswahrnehmung etc.
Es empfiehlt sich, sich immer nur auf ein Thema zu konzentrieren. Meistens sind für die Kinder alltagsverändernde Themen relevant, wie eine anstehende Trennung oder die dauernd erschöpfte Mutter. Die Bildsprache eröffnet Türen in Bereiche der Sprachlosigkeit. Meist lasse ich die Betroffene aus mehreren Büchern aussuchen und schenke diese ihnen. Die Bücher werden zu persönlichen Begleitern und symbolisieren einen Lebensabschnitt.

Das sind alles sehr schwerwiegende Fälle. Braucht es, um diese Themen mit den Kindern anzusprechen, Unterstützung externer Fachpersonen?
Grundsätzlich kann jede Person ein guter Gesprächspartner sein, bei heiklen Fragestellungen im Zusammenhang mit Vernachlässigung, Gewalt bis im schlimmsten Fall zur Kindswohlgefährdung, empfiehlt es sich Kontakt mit einer Fachstelle aufzunehmen. All diese Themen sind persönlicher Natur und benötigen grosses Fingerspitzengefühl und Respekt. Viele Betroffene schämen sich und wagen darum den Schritt nach aussen nicht. Was sehr schade ist, denn sehr oft führt das Gespräch mit einer geeigneten Person zur Entlastung. Grundsätzlich wünschte ich mir, dass lieber einmal zu viel als zu spät, Unterstützung in Anspruch genommen wird.
Doch auch hier helfen Bilderbücher als niederschwellige Sensibilisierung.

Gibt es andere, weniger schwerwiegende Themen, in welchen Kinderbücher die Kommunikation zwischen den Eltern und Kindern öffnen kann?

Ich habe eine Liste mit Werken zusammengestellt, die ich selbst einsetze und für geeignet halte:

Trennung:
Wir bleiben eure Eltern, Volmert Julia
Papa wohnt jetzt anderswo, Kiss Gergely
Fips versteht die Welt nicht mehr, Randerath Jean
Ich hab jetzt zwei Kinderzimmer, Puts Veronique

Psychische Erkrankungen:
Mamas Monster, Mosch- Depression erklären
Warum ist Mama traurig, Wunderer- Depression erklären
ZiegenHundeKrähenMama, Tanner- psych. Erkrankung thematisiern
Annikas andere Welt, Eder- psych. Erkrankung erklären
Mama, Mia und das Schleuderprogram, Tilly- Borderline erklären
Annikas andere Welt, Eder- Arbeitsbuch
Sonnige Traurigtage, Homeir- Arbeitsbuch

Flucht:
Die Flucht, Sanna
Am Tag, als Saida zu uns kam, Redondo, Wimmer
Alle da! Tuckermann, Schulz
Trauer/Tod:
Die besten Beerdigungen der Welt, Nilson, Eriksson
Len wohl, lieber Dachs, Varley

Über Gefühle reden:
Der Seelenvogel, Snunit, Golomb
Heute bin ich, Mies van Hut
Stimmungsmermorie, Pro Juventute

Bilderbücher für Jugendliche und Erwachsene:
Mein schwarzer Hund, Johnstone ( meine Depression)
Mit dem schwarzen Hund leben, Johnstone (Angehöriger eines Depressiven sein)
Resilienz, Johnstone
Den Geist beruhigen, Johnstone

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