Arbeiten mit dem «Organ der Form»

Welche Rollen spielen die Faszien beim Rolfing

Eines meiner Lieblingszitate von Dr. Ida Pauline Rolf ist: “Rolfing works on a “solid” body to change the spaces in which that body functions.” 1920 erwarb sie als eine der ersten Frauen in den USA ihren Doktortitel in Biochemie an der Columbia Universität (heute Rockefeller Universität) in New York. Als Wissenschaftlerin studierte sie vor allem die Eigenschaften des menschlichen Bindegewebes (Faszien). Aus ihren Studien und ihrer jahrzehntelangen praktischen Arbeit am Menschen entwickelte sie ihre eigene Methode: Rolfing®.

Sie nannte die Faszien “das Organ der Form”. Dabei erkannte dass Faszien sehr viel stärker formbar sind als bisher angenommen. Wenn sich also aufgrund der Formbarkeit die Körperstruktur ungünstig verändert, dann ist es möglich den Körper mittels einer bestimmten Art der Bindegewebsmanipulation wieder in ein ausgeglichenes Spannungsmuster zurückzuführen. So ein Mensch arbeitet nicht länger gegen die Schwerkraft, sondern steht mühelos aufrecht in ihr, weil er im Einklang mit ihr steht! Dies ist der Leitgedanke beim Rolfing®.

Was macht also ein Certified Rolfer™?

Er schaut sich an, wie die Schwerkraft auf eine Struktur wirkt. Wo kämpft und bewegt sich der Körper gegen die Schwerkraft, wo ist die Struktur nicht in Harmonie mit dem Gravitationsfeld. Vielleicht haben sie als Kind mit Bauklötzen gespielt und gemerkt, dass wenn alle Klötze möglichst senkrecht aufeinander stehen der Turm stabiler ist. Wenn ein Bauklotz aber nach hinten, vorne oder seitlich verschoben ist, dann braucht es wenig und der Turm stürzt ein. Wir schauen also als Rolfer, wie die einzelnen Segmente des Körpers durch eine gedachte Lotlinie aufeinander ruhen. Sagen wir, jemand hat den Kopf gewohnheitsmässig nach vorne ausgestreckt weil sie am Arbeitsplatz stundenlang in den Bildschirm starrt, dann wird die Nacken und Rückenmuskulatur dauernd mehr arbeiten müssen, sich auch verkrampfen, weil sie den Kopf stützen muss, den die Schwerkraft unweigerlich nach vorne unten zieht.
Wie wäre aber, wenn der Kopf mühelos auf den Schultern und dem Rumpf sitzt? Wie ginge es dem Nacken, den Schultern und dem Rumpf, wenn diese Segmente ausbalanciert wären? Wie wäre die Sitzhaltung? Wie sähe dieser Mensch beim Sonntagsspaziergang aus? Wie würde dieser Mensch atmen?

Natürlich sind wir als Menschen nicht einfach ein Turm aus soliden Bauklötzen, sondern auch “Raum”. Nehmen wir als nächstes das Bild eines aufgestellten Zeltes. Das kommt der Sache schon näher. Unser Zeltinnenraum ist ohne Stangen (Knochen) unmöglich. Damit das Zelt aber optimal steht und nicht schief, dafür braucht es die Zeltleinen und Zeltplanen. Und hier kommen die Faszien ins Spiel. Sie erfüllen im Körper eine Vielzahl von Aufgaben. Für Rolfer besonders im Fokus sind die Stütz- und Trägerfunktion der Faszien. Zudem funktionieren Faszien auch als Stossdämpfer, Schutzschicht, Kraftübertragungsmedium und als Sinnesorgan. Wer sich eingehender mit der faszinierenden Faszienwelt auseinandersetzen möchte, dem sei die Arbeit von Rolfer und Forscher Dr. Robert Schleip empfohlen.

Alle Faszien (Angefangen von Unterhautbindegewebe bis hin zu Bändern und Organhüllen) durchziehen ihren ganzen Körper und umschliessen Knochen, Muskeln- und Fasern, Organe, Nerven und Blutgefässe. Dieses 3D Geflecht aus Bindegewebe nennt Dr. Ida Rolf “das Organ der Form”. Ihr persönliches Organ der Form begleitet Sie Ihr ganzes Leben! Es speichert, registriert und formt sich anhand Ihrer Bewegungsmuster, persönlichen Geschichte, kulturellen Einflüsse und Ihrer individuellen körperlichen Gegebenheiten. (Beobachten Sie das nächste Mal wie individuell Haltung und Gang der Leute auf der Strasse sind). Dieses Organ der Form behandeln wir als Strukturelle Therapeuten, als Rolfer.

Was ist der Bezug der Faszien/Körperhaltung als Ursache für Migräne, Gelenkschmerzen, etc.?

Weil Ihr ganz individuelles Organ der Form also ihre Faszien lebendig sind, spiegeln diese auch ihr Leben. Faszien könnten sich verkürzen, verkleben, überdehnen, verdicken (Narbengewebe), verfilzen etc. Das passiert aufgrund von Unfällen, repetitiven und gewohnheitsmässigen Haltungs- und Bewegungsmustern im Berufsleben oder im natürlichen Alterungsprozess. Mit der Zeit entstehen so Fehlspannungen und Kompensationen im Fasziennetz. Diese Verursachen ein Ungleichgewicht in der Statik des Körpers.

Wir haben schon den Fall erwähnt, bei dem eine Büroangestellte den Kopf gewohnheitsmässig nach vorn schiebt um den Bildschirm besser zu sehen. Vielleicht verkrampft sich auch die Kiefermuskulatur dabei, weil die Person sich stark konzentriert oder auch manchmal Frustrationen in Schach halten muss. Auch die Atmung wir bei dieser leicht gebückten Haltung weniger frei sein. Am Abend nach der Arbeit meldet sich der Nacken und die Schultern, die irgendwann verkürzen und verspannen, weil sie die ganze Zeit beschäftigt sind, den Kopf dennoch möglichst aufrecht zu halten. Vielleicht kommen auch Kopfschmerzen dazu.

Eine Nacken und Schultermassage hilft kurzfristig die Spannung zu lösen, aber dieses Haltungsmuster ist bereits auf der Faszienebene angekommen und wird nun zu einer Form, einer Struktur, die irgendwann einmal nicht mehr willentlich beeinflussbar ist. Hier setzt Rolfing® an, denn Nacken- und Schulterverspannungen haben mit dem ganzen Körper zu tun. Was passiert wenn der Kopf und der Schultergürtel auf dem Brustkorb ruhen? (Sie erinnern an sich an den Bauklötzchen Turm?) Oder was passiert wenn ich mehr Länge in meiner Vorderseite bekomme? Was passiert dann mit meinem Brustkorb und wiederum mit meinem Schultern, mit meinen Armen, Händen? Wie fühle ich mich? Wie begegne ich meiner Umwelt?

In einer Rolfing® Sitzung arbeiten wir also mit dem Klienten strukturell aber auch mit dem Wahrnehmen der eigenen Haltung, der eigenen Landkarte. Rolfer und Klient sind dabei ein Team. Noch ein letztes Beispiel zur Veranschaulichung. Kippen sie ihr Becken nach hinten (sie ziehen ihr Gesäss ein) und gehen sie ein paar Schritte. Was passiert mit den Beinen? Sie werden merken dass die Beine und Füsse die Tendenz haben sich nach aussen drehen. Versuchen sie jetzt das Gegenteil, was passiert wenn sie das Becken nach vorne sinken lassen (und ihren Allerwertesten nach oben steigen lassen)? Was passiert mit den Beinen und Füssen? Wie laufen Sie jetzt?

Fokussieren wir uns aufs Knie in diesem Fall. Ein Knie ist ein Scharniergelenk und funktioniert auf einer Ebene, wie das Scharnier einer Tür. Wenn jetzt aber das Becken nach hinten gekippt ist und sich die Beine und Füsse nach aussen drehen dann werden Sie zwangsläufig dem Kniegelenk unrecht tun und ihre Mensiken und Kreuzbänder einseitig belasten. Knieprobleme sind die Folge. Deshalb wird ein Rolfer bei so einem Fall vereinfacht gesagt nicht nur das Knie sondern die Füsse und das Becken in die Arbeit an den Faszien miteinbeziehen. Wenn das Becken dann eine andere Position findet, dann passiert auch etwas mit dem Oberkörper und der eigenen Wahrnehmung. Wenn die Faszien wieder gleitfähiger und zugleich differenzierter sind, dann spielen sie auch wieder harmonisch im Ganzen Organismus mit. Sie sind also differenziert und integriert… Die Bewegungen werden leichter und geschmeidiger sein, der Körper braucht weniger Energie (Metabolismus kann sich verändern), Gelenke bekommen mehr Raum sich zu bewegen, werden entlastet und schlussendlich optimaler genutzt.

Alle diese Prozesse, bei denen wir auch auf die Intelligenz des Körpers zählen können, beeinflussen unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Im Endeffekt werden Ihre Rolfing® Sitzungen ihre ganz individuelle Reise zu sich selbst sein.

Wie verläuft eine Rolfing-Sitzung aus Sicht des Patienten?

Als Erstes bespreche ich mit dem Klienten Zielsetzung, Motivation sowie körperliche Beschwerden und deren Krankengeschichte und beantworte Fragen zum Rolfing® Prozess. Danach betrachte ich den Klienten im Stehen, Gehen oder Sitzen, um mir ein Bild seiner Körperstruktur und seinen individuellen Bewegungsmustern zu machen. Dann liegt die Klientin die meiste Zeit entspannt auf der Behandlungsliege. Die eigentliche Behandlung dauert in der Regel zwischen 60 bis 80 Minuten.

Die Berührung kann sehr sanft bis tief und auch intensiv sein. Eine Rolfing® Sitzung tut sehr selten weh. Im Gegenteil: das Lösen und Öffnen wird als sehr angenehm, entspannend und befreiend empfunden!

Nach der Behandlung im Liegen und der Rückkehr in die Vertikale folgt ein kürzerer Abschlussteil meist im Sitzen und Gehen. Ich arbeite mit dem Klienten daran sich seinen Bewegungsmustern bewusst zu werden und eine neue Achtsamkeit zu entwickeln. Natürlich ergeben sich auch neue Freiheiten in der Bewegung und deren Empfindung, die es zu entdecken gibt. Typischerweise fühlen sich die Klienten “leichter” und “freier”. Bis zur nächsten Sitzungen vergehen 2 bis 4 Wochen um Zeit haben die Rolfing® Sitzung zu integrieren.

Wie schnell kann ein Patient Linderung erwarten?

Eine kurzfristige Linderung von Beschwerden kann sich meist nach 3 Sitzungen einstellen. Empfohlen ist eine Grundsequenz von 10 Sitzungen. Diese sogenannten klassischen 10 Sitzungen bauen systematisch aufeinander auf und sind thematisch aufeinander bezogen. Die Besserung oder gar das Verschwinden von körperlichen Beschwerden ist also ein möglicher Effekt einer Rolfing® Behandlung wie auch das Lösen gespeicherter Gefühle. Das Primäre Ziel einer Rolfing® Sitzung ist jedoch, den Körper, ja den Menschen als Ganzes wieder ins Lot zu bringen. Eine flexible und stabile Struktur ist die Voraussetzung für ein inneres Gleichgewicht, das sich auf der körperlichen und seelisch-geistigen Ebene entfalten kann. Rolfing®/Strukturelle Integration ist ein Weg dorthin.

Mehr über Thomas Jackson unter http://www.shapeshifter.ch/rolfing/

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