Zeitmanagement auf Japanisch

Ricklin-AndreaAls sich heute Morgen die Türe zu meinem Uhrengeschäft am Limmatquai öffnete, stürmte eine sich heftig verbeugende Japanische Kundin hinein und legte mir einen sorgfältig gefalteten Zettel mit japanischer Schrift vor. Ich konnte zwar einige der Schriftzeichen den drei Schriftarten Hiragana, Katakana und Kanji zuordnen, doch verstand ich keine der Bedeutungen. Sie erzählte mir, sie habe anhand von Internetforen und Online-Ratings eine ganzen Liste an beliebten Schweizer Uhrenmodellen zusammengestellt und möchte nun zehn davon kaufen, welche sie mit nach Japan nehmen möchte für enge Freunde, die Mutter, den Vater und den grossen Bruder. Warum sie sich denn gerade für Uhren als Geschenk entschieden habe, fragte ich neugierig. Sie wolle Zeit schenken; Zeit als etwas kostbares, etwas rar gewordenes, besonders im Geschäftsalltag. Wenn die ihr nahestehenden Menschen sich weniger unterbrechen liessen durch Vibrationsalarme und Klingeltöne an Handys und Smartwatches von ankommenden SMS, WhatsApp-Nachrichten, Mails und Anrufen, und ihr Mobiltelefon auch einmal ausschalteten, dann sei es möglich, sich wieder wie früher nur auf eine Sache zu konzentrieren, Aufmerksamkeit und Respekt zu zeigen, nicht nur den Gesprächspartnern gegenüber, sondern auch sich selbst und den eigenen Bedürfnissen. Bei uns in der Schweiz sei die Zeit stehen geblieben; wir wüssten noch, was Ruhe und innere Balance bedeuteten.

So sehr ich ihr bei den ersten Gedankengängen beipflichtete, so sehr störte mich der Gedanke, dass wir in der Schweiz auf dem richtigen Weg geblieben seien. Auch mir fehlt im Alltag oft die Zeit für jene einfachen Schritte, welche unsere Struktur, unsere Konzentration, unser Zeitmanagement und schliesslich unsere eigene Gesundheit und unser Wohlbefinden fördern; mein Mobiltelefon auszuschalten, mich nicht unterbrechen zu lassen und die einzelnen Zahlräder etwas langsamer und bewusster drehen zu lassen. Als ich meine japanische Kundin schliesslich fragte, für wen auf ihrer Liste sie welche Uhr ausgesucht habe, fragte sie zurück, ob dies denn darauf ankomme, eine Schweizer Uhr sei ja so oder so ein tolles Geschenk. Nun denn, meinte ich, ein weiterer Schweizer Wert sei auch die Individualität, die eigene Persönlichkeit und das Hineinversetzen in sein Gegenüber. Wir suchten schliesslich gemeinsam für jeden der Freunde und die Familienangehörigen eine passende Schweizer Uhr aus. Der Name mitsamt einer Begründung wurden in japanischen Schriftzeichen auf demselben Zettel festgehalten.

Als die Kundin erfreut das Geschäft verliess und sich bedankte, dass sie heute etwas gelernt habe, bedankte auch ich mich und blickte auf meine Uhr an meinem Handgelenk. Als kleines mechanisches Meisterwerkt sollte sie mich fortan bei jedem Blick daran erinnern, mich auf all jene Werte zu besinnen, welche meine japanische Kundin uns Schweizern zugestand und mir als Schweizerin in der Uhrenbranche den Wert der Zeit wieder richtig bewusst machen.

Über Andrea Ricklin

Andrea Ricklin ist Präsidentin der Sektion Zürich des Verbandes Schweizerischer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte und Inhaberin von MAX AFFOLTER Uhren & Bijouterie am Limmatquai 82 und an der Strehlgasse 25 in der Zürcher Altstadt. Sie führt das Geschäft in zweiter Generation seit 20 Jahren.

Web: Affolter-Uhren.ch
Online-Shop: shop.affolter-uhren.ch

0
Schreiben einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.