Mit Geschichten lässt sich die Wirklichkeit besser erzählen, da die Wahrheit längst politisiert wurde.

C. B. Stoll ist Autor des Romans «Victoria-Report», mit dem er die oft unappetitliche Geschäftsgebaren in der Lebensmittelindustrie an den Pranger stellt. Stolls Roman ist akribisch recherchiert und in einer solch offenen Sprache verfasst, dass sie beim Leser gut ankommt, der Lebensmittelindustrie aber sauer aufstösst. Stephan Lendi und C. B. Stoll haben sich über die Industrie, über den Veganismus und die persönliche Einstellung dazu unterhalten.

Welche Entwicklungen gehen in der Lebensmittelindustrie vor sich, die Sie als problematisch betrachten?
Die Philosophie und Geschäftsethik eines modernen Lebensmittelkonzerns unterscheiden sich in keiner Weise von allen anderen Industrien. Nicht der Kunde, der Mensch, steht im Vordergrund, auch nicht unsere Gesundheit oder unser Wohlbefinden. Nein, es geht einzig um die Profitmaximierung, also um das Wohlergehen der Konzerne selbst.

Solche Denkansätze würde man eher mit der Pharmaindustrie in Verbindung bringen.
Welche Industrie auch immer: Pharma-, Auto-, Waffenindustrie oder eben die Lebensmittelindustrie. Sie alle verfahren nach denselben Geschäftsprinzipien. Rendite. Mehr Rendite. Noch mehr Rendite. Ethik und Moral, wenn sie denn nicht längst begraben wurden, spielen keine Rolle mehr.

stoll_coverIn Ihrem Roman «Victoria-Report» decken Sie nicht nur die Missstände bei einem Lebensmittelmulti auf, Sie kritisieren auch das Verhalten der Konsumenten. Welche Werte fehlen denn der heutigen Gesellschaft?
Auf gewisse, schon fast bedauerliche Weise, sind wir alle Kinder unserer Zeit. Will heißen, durch die Bemühungen der Lebensmittelindustrie heillos manipulierte Kinder. Mit welchen Produkten wird uns der Mund wässrig gemacht? Doch nicht etwa mit frischem Obst und Gemüse. Nein, es sind die vor Zucker, Salz, Fett und Zusatzstoffen strotzenden Fertigprodukte, die wir konsumieren sollen. Esswaren, deren Zubereitung kaum mehr Zeit beansprucht. Genial, sagen wir. Und schon wird das Kleber-Papp-Zeug in den Mund gestopft. Wir schlucken es sogar! – Die Industrie zieht uns über den Tisch. Sie schummelt und betrügt, indem sie mit Halbwahrheiten wirbt. Und wie reagieren wir? Wir hinterfragen nicht und lassen uns verführen. Dahinter erkenne ich aber eine gewisse Dummheit und Einfältigkeit von Seiten des Konsumenten.

Die vegane Lebensweise ist ein möglicher Ansatz, die traditionellen Werte in der Ernährung wieder aufleben zu lassen. Welchen anderen Bewegungen messen Sie eine ähnliche Wirkung zu?
Das kollektive Verlangen nach dem Fleischverzicht nahm Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seine Anfänge. Heute, hundertfünfzig Jahre später, ist über unsere Gesellschaft ein Kampf darüber ausgebrochen, wie angemessen und gesund diese Art der Ernährung ist. Der Vegetarismus ist zur Lebenshaltung geworden, eine Art Philosophie, die der Ausbeutung des Tieres entgegentritt. Wer sich nicht vom Tier ernährt, erreicht eine höhere Stufe der moralischen Evolution, heißt es. Veganismus begreife ich als die konsequente Umsetzung dieses Gedankens. Über das Dafür und das Dagegen lässt sich schwerlich streiten. Die Einstellungen zur korrekten Ernährung sind so verschieden und individuell wie der Glaube an Gott. – Um auf Ihre Frage zurückzukommen, welchen anderen Bewegungen ich eine ähnliche Wirkung zuschreibe, so gibt es da rund um den Esstisch so einige. Unsere westliche Gesellschaft sprüht geradezu vor Neuorientierung. Allerorts wird der Mahnfinger gereckt. Wir dürfen nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken, tierische Fette sind ungesund, pflanzliche werden auf dem Rücken der Ärmsten gewonnen, Lebensmittelzusatzstoffe erregen Krebs, zu viel Zucker schadet, und ach, Kaffee trocknet aus. Unter all den neu gewonnenen Einsichten fällt auch die Abneigung gegenüber dem Fleischkonsum und im Extremfall der Verzicht auf alle Produkte, die vom Tier stammen. Natürlich oder gar naturgegeben ist das in meinen Augen allerdings nicht. Es sind Modeströmungen und Ausdrucksweisen unserer Wohlstandsgesellschaft, die sich seiner Auswüchse schämt. Teilweise sind sie nachvollziehbar, andere wiederum empfinde ich eher als prüde und lustverneinend.

Sie selbst leben nach den Grundsätzen der 5-Elemente-Ernährung, setzen auf Bio und sinnvolle Lebensmittel. Was machte für Sie den Reiz dieser Ernährung aus?
Der Reiz kam zunächst schlank, rank und elegant gekleidet in Gestalt meiner heutigen Frau Christine Dam auf mich zu. Christine ist TCM-Therapeutin (Traditionelle Chinesische Medizin). Dort spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Essen, heißt es, ist die lustvollste Art der Medizineinnahme. Von vitaminangereicherten Fertiggerichten aus der Tiefkühltruhe will die 5-Elemente-Ernährung natürlich nichts wissen. Frische Produkte korrekt verarbeitet, gewürzt und gekocht ist dort das Credo. Keine Woche hat es gedauert und ich war überzeugt: Von Christine und von der Art, wie sie Speisen zubereitet.

C.B.STOLL, Jahrgang 1960, lebt heute mit seiner Partnerin in Zürich. Durchforscht hat er zuvor jedoch schon manch anderes Leben. So zum Beispiel eins in Stuttgart als Mittelschüler und schlecht bezahlter Schuhputzer, eins in Mailand, Paris und Tokyo als gut verdienendes Fotomodell, später wieder ein anders in Berlin und London als Werber und zwischendurch waren da noch ein paar weitere Leben in Südostasien, Indien und Australien als Tourist und Weltenbummler. C.B.STOLL lacht, isst und kocht gern, er fährt verdammt gern schnelle Motorräder und natürlich liebt er es, echte Romane zu schreiben. Sein Credo: Mit Geschichten lässt sich die Wirklichkeit besser sehen, denn die Wahrheit wurde längst politisiert. Bleiben Sie also dran, lesen Sie echte Romane!

www.cbstoll.com
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